Eine historische Analyse des Infektionsbegriffs – Owsei Temkin

Der moderne Infektionsbegriff, mit dem in der Medizin und ihren Neben- und Hilfswissenschaften gearbeitet wird, hat eine lange und schillernde Geschichte hinter sich. Der Arzt und Medizinhistoriker Owsei Temkin zeichnet diese Geschichte nach und zeigt dabei auch epochale Paradigmenwechsel auf, die das wissenschaftliche Verständnis und Denken der Menschen nachhaltig umgewälzt haben. Die aktuelle Definition des Begriffes „Infektion“ mit Einbeziehung von „pathogenen Organismen“, die in den Körper eindringen und Krankheiten auslösen, wäre vor dem Aufkommen der Bakteriologie Mitte des 19. Jahrhunderts so nicht möglich gewesen. Die erste Beschreibung von „infectio“ (vom lateinischen Wort für „färben“ oder „verunreinigen“) bei Priscianus 500 v. Chr. bezieht sich dann tatsächlich auch noch auf das Färben von Haaren. Die etymologische Beschäftigung mit medizin- und hygienerelevanten Begriffen fördert auch in anderen Bereichen interessante und wirkmächtige Wortherkünfte und Bedeutungswandel zu Tage. So lässt sich auch der die Hygienetheorie und –praxis lange und nachhaltig beschäftigende Konflikt zwischen Kontagien– und Miasmentheorie erhellen. Während seit der Antike beim „Kontagium“ von einer übernatürlichen Macht (Apollos „Pestpfeile“, göttliche Strafe in der Bibel) als Krankheitsauslöser ausgegangen wird, wird die Infektion mit dem Miasma (als schlechter Luft) säkularisiert. Diese Konzentration auf üble Lüfte (und damit einhergehenden Gestank) leitet die Hygieniker und Mediziner dann, auch wenn mit den Ursachen von Gestank oft zufälligerweise auch die tatsächlichen Ursachen von Infektionen bekämpft werden, insofern in die Irre, als sich die Hygiene lange Zeit eher im Bereich der Ästhetik und Kosmetik bewegt. Auch die ersten staatlichen Maßnahmen gegen die europäische Pestepidemie 1347 bekämpfen hauptsächlich Schmutz als Quelle schlechter Gerüche (auch noch Semmelweis ist bei der Nutzung von Chlorkalk zur Desinfektion von dessen geruchsmindernder Wirkung geleitet). Die heute geläufige Unterscheidung zwischen Deodorant und Desinfektionsmittel existiert lange Zeit nicht. Den beiden großen systematischen Sammlungen von Infektionstheorien, von Fracastoro im 16. und Sydenham im 17. Jahrhundert wird bis 1850 wenig Substantielles hinzugefügt. Der Kampf der Hygieniker gegen „Schmutz“ geht mit der zunehmenden Abhängigkeit der Menschen voneinander ab dem Mittelalter und der Urbanisierung während der industriellen Revolution einher. Die Reinigung mit Wasser und die damit einhergehende Reinlichkeit wird bis in die 1750er Jahre eher unter religiösen, rituellen und ästhetischen als unter hygienischen Gesichtspunkten gesehen. Erst Ende des 18. Jahrhunderts bewegt sich die Körperhygiene aus dem Bereich der Ästhetik in den Bereich der Gesundheitsfürsorge. Nachdem die Aufklärung im 18. Jahrhundert dem Aberglauben den Kampf angesagt hat, bietet die aufkommende Bakteriologie im 19. Jahrhundert erst den wissenschaftlichen und begrifflichen Rahmen für den heute geläufigen Begriff von „Infektion“. Solange Menschen nach Gründen für Krankheiten fragen, wird jedenfalls auch der Infektionsbegriff weiterbestehen und sich vor unterschiedlichen Weltbildern transformieren.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

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